8. November 2008

Ich hatte zwei hinreißend bequeme Fauteuils und einen dazu passenden Couchtisch ins Fenster gestellt bekommen. Der Punsch wurde mir in vorzüglichen Geschirren ausgeschenkt und es waren mehrere glitzernde Papageien um mich.

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So weit das Setup meiner heuer letzten Session zu "next code: exit" im Schaufenster eines Gleisdorfer Teeladens während einer langen Einkaufsnacht der lokalen Geschäftsleute. Oben sieht man die vormalige Nationalratsabgeordnete Andrea Wolfmayr und den Historiker Robert F. Hausmann vor diesem Fenster.

Hausmann erzählte mir von seiner augenblicklichen Befassung mit Hans Kudlich, der im markanten Jahr 1848 eine überaus markante Rolle gespielt hat. Das enorme Ereignis der "Abschaffung der Erbuntertänigkeit" wird heute auch salopp "Bauernbefreiung" genannt. Ich finde es merkwürdig, wie da in den Begriffen Legenden transportiert werden, weil sich Bauern sehr energisch gegen Keuschler, Bergler, Kleinhäusler und eine Masse von Dienstboten abgegrenzt sahen, die ihrerseits wohl gut diese oder jene Befreiung hätten vertragen können. Aber das ist freilich eine andere Geschichte.

Auf Kudlich beruft sich ja etwa ein Hace Strache von der FPÖ, wenn er grinsend sagt: "Wir sind Linke." Klar! Links von Dschingis Kahn (© Hannes Rauscher) geht sich schon was aus. (Er hat mir persönlich erzählt: "Wir sind eigentlich Revolutionäre." Siehe Eintrag vom 21. August 2006!)

Über das Leben plaudern. Über die Welt reden. In öffentlichen und teilöffentlichen Räumen. Eine Situation von erheblichem politischem Potenzial. (Was, so einfach geht Politik?) Ich denke, es gibt freilich keine Notwendigkeit, zwischen Gesprächen und Geschwätz harte Grenzen zu ziehen. So lange man weiß, was man gerade tut.

Ein Beispiel: Warum wird mir in Nachrichten an prominenter Stelle erzählt, daß in Haiti eine Schule eingestürzt sei („Warum ist noch unklar.“) und Eltern mit bloßen Händen nach ihren Kindern gegraben hätten? Entertainment. Das Bedienen von Voyeurismus, nichts sonst. Was man sich unter „Nachrichtenwert“ vorstellen mag, geht da gegen Null. Oder übersehe ich etwa, daß Wissensgewinn zu ermüdend wäre, sollte man dabei nicht auch Unterhaltung finden? Ich glaube das aber nicht.

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Dabei bin ich ein Anhänger der Vorstellung, man habe ein Recht auf billige Unterhaltung. Wenn ich von Wissensgewinn oder anderen Dingen ermüdet bin, suche ich gerne simple Vergnügungen wie die Vorabend-Serie „Scrubs“, von der ich ungezählte Folgen vorrätig habe. Da sagt etwa der Chefarzt Bob Kelso (gespielt von Ken Jenkins) gerne Dinge wie „Menschen sind Monster mit Monsterglasur und Monsterfüllung.“ Oder „Wer sich ändert, bleibt sich treu.“

Aber ein „Warum ist noch unklar.“ über traurige Vorfälle in Haiti läßt mich vermuten, es muß eine Verschwörung Wissender geben, die unendlich viel schlauer sind als ich es bin. Zu dieser Verschwörung gehören auch Wirte, denen jemand zuflüstert, sie müßten ausdauernd und oft viel zu laut Musik spielen. Einige davon bespielen sogar die Gehsteige vor ihrer Hütte, auch wenn sich dort keinerlei Gäste befinden, weil etwa das Wetter zu unwirtlich ist. Doch die Musik, meist aus der Abteilung Plapper-Pop, ist da, füllt den (öffentlichen) Raum. Weshalb? Konnte mir noch niemand erklären.

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Ein weiterer Beitrag zum Thema „Hobby-Anarchisten“. (Siehe dazu auch den Eintrag vom 6. November 2008!) Da wird jemand vom Gleisdorfer Wirtschaftshof den Dampfstrahler anzuwerfen haben, um den orthographisch verunglückten Slogan zu löschen. Ein fesches „destroy“ = „zerstöre!“ hat sich hier auf der Ebene der Codierung gleich selbst erledigt. Das finde ich geradezu lustig.

Herrschaftsfragen. "Anarchie" handelt also grundsätzlich vom Wunsch, daß niemand herrschen solle. Ich habe gestern in den Fauteuils, bei Punsch und Regenwetter, einen Mann gefragt, wie lange seine Liste der österreichischen Politiker sei, die er für glaubwürdig halte; im Sinn von: Sein Denken, Reden und Tun stünden offenbar in einem passablen Verhältnis zu einander. Der Mann meinte, diese Liste sei sehr kurz. Wie kommt das?

Ich habe am 3. November den Politiker Arnold Schwarzenegger zitiert, der öffentlich behauptete, er habe Europa vor Jahrzehnten verlassen, "weil der Sozialismus die Möglichkeiten gekillt hat." ("... has killed the opportunities.")

Der arrogante Brocken, das vormalige Protegé einer erzkonservativen steirischen ÖVP, dem deren gutes Verhältnis zu vormaligen Nazi kein Problem zu sein schien, lügt in der Sache.

Wie sehr, illustriert der nebenstehende Brief. (Quelle: "Der Standard") Bedauerlicherweise wird in einem breiteren öffentlichen Diskurs eher hängen bleiben, daß ein so erfolgreicher Mensch gesagt hat, der Sozialismus sei ein "Killer".

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So legitimieren Opinion Leaders verquere Ansichten und beschädigen die Politik. Leider ist es nicht üblich, solche Statements öffentlich als das zu qualifizieren, was sie sind: Lügen.

[Wir Kinder des Kalten Krieges]


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