23. Juli 2011 Es gab Zeiten, da war das Imperium Romanum militärisch so erfolgreich,
daß Kriegssklaven die heimische Wirtschaft geradezu überschwemmten. So entstanden
beispielsweise landwirtschaftliche Großbetriebe, gegen deren Konkurrenz kleinere
Landwirtschaften nicht bestehen konnten.
Unterm Strich ergaben diese Veränderungsschübe eine
große gesellschaftliche Schicht, die aufgehört hatte, zu den Besitzenden zu
zählen. Diese Menschen waren zwar dem Status nach rechtlich noch über den Sklaven
aufgestellt, hatten aber bloß ihre Arbeitskraft auf den Markt zu tragen und ihre
Nachkommenschaft als Beitrag zum Staatserhalt aufzubieten.
Genau daher bezieht sich historisch der Begriff "Proletariat".
Habenichtse, deren Arbeitskraft sie erhält und deren Nachkommenschaft als Freie im
Kontrast zu jenen Sachwerten stand, als die Sklaven galten.
Später haben Marx und Engels den Begriff Proletariat
auf jene Menschenmassen angewandt, die in der agrarischen Welt schon weniger galten als
das Vieh und die zu billigen Arbeitskräften in der aufblühenden Industrialisierung
wurden.
Wir sprechen heute noch im Rückblick auf Zeiten mindestens
bis zum Zweiten Weltkrieg von einem ländlichen Proletariat und vom Industrieproletariat.
Danach hat sich dieses Gefüge von Klassen und Milieus im aufkommenden Wohlstand sehr
grundlegend verändert. Aber ich nehme gerne an, mentalitätsgeschichtlich sind wir noch
wesentlich stärker Untertanen denn Bürgerinnen und Bürger.
Warum mich das beschäftigt? Ich bin ein Besitzloser. Meine
Arbeitskraft reicht gerade noch für prekäre Verhältnisse (= "Preakriat",
siehe dazu: "Einige
Takte Klartext: Soziales"!) Würde der Kulturbereich budgetär noch weiter
absacken und unsere derzeitigen Projekte blieben ohne Finanzierung, ich fiele schlagartig
unter die "working poor", denn jeder besser qualifizierte und
entsprechend besser bezahlte Job auf dem herkömmlichen Arbeitsmarkt hätte folgendes
Problem für mich parat: Ich würde in einer Reihe anstehen, wo die meisten Leute gerade
einmal halb so alt sind wie ich.
Die sehr prekäre Situation des Großteils
österreichischer Kunst- und Kulturschaffender hat sich vor dem Hintergrund von
Entwicklungen entfaltet, die seit Jahren von einem "Neuen Proletariat"
sprechen lassen. (Siehe dazu Log #360 in meinem Projekt-Logbuch!)
Die Lage wird sich nicht entspannen, sie wird sich
verschärfen. Daran habe ich keinerlei Zweifel. Viele von uns haben es inzwischen kapiert,
manche davon ihre Schrecksekunden zu Schreckmonaten ausgeweitet. Aber etliche Züge sind
definitiv abgefahren und wir stehen vor der Frage, was wir nun konkret tun werden. Das
romantische Anbrüllen von politischem Personal hat vor allem eine Klarheit gebracht:
Dagegen ist man dort völlig immun.
Michael Wimmer faßt es auf eine Art zusammen, die ganz
nach meinem Geschmack ist und deren Schlußfolgerung ich völlig zustimme:
"Und war doch in dem Maß vorauszusehen, als die
rot-schwarzen Koalitionen sich immer mehr in Geiselhaft des Boulevards begaben und diesem
die Entscheidung überließen, was politisch angesagt ist und was nicht. Für viele
Mitglieder nicht nur der freien Szenen mag das einer narzistischen Kränkung gleichkommen,
aber immer mehr Indizien sprechen dafür, dass der gegenwärtigen Bundesregierung eine
gute und friktionsfreie Kommunikation mit der Familie Dichand oder den Brüdern Fellner
wichtiger ist, als mit einzelnen KünstlerInnen und ihren Interessenvertretungen, mögen
sie sich auch noch so engagiert für eine kontinuierliche kulturelle
Basisarbeit stark machen." [Quelle]
Machen wir uns nichts mehr vor, wir sind völlig auf uns
gestellt. Wir haben da und dort noch einzelne sachkundige und wache Leute in Politik und
Verwaltung, mit denen Zusammenarbeit angemessen und auf erfreuliche Art möglich ist. Es
gibt auch da und dort noch Budgets, mit denen Kofinanzierungen möglich sind.
Aber schon Erreichtes ist inzwischen teilweise
weggeschwemmt, abgedriftet. Kommunale Kräfte knicken immer mehr vor aktuellen Problem-
und Aufgabenstellungen ein und sind für uns oft nicht einmal mehr zu Gesprächen
erreichbar.
Das ist der Status quo, zu dem uns kein wie immer gearteter
Problemkatalog mehr fehlt. Im Gegenteil, die Problem-Listen, mit deren weiterer Ergänzung
sich manche noch befassen. lassen uns längst wie verlorenes Buchhaltungs-Personal
erscheinen.
Was jetzt noch fehlt, ist die Auswertung dieser Listen, um
brauchbare Befunde zu erhalten und Strategien zu entwickeln, wie wir weitermachen
möchten, können. Wem müßten wir nun noch etwas zurufen? Was wurde nicht schon x-fach
gesagt oder geschrieben?
Wir, die wir nichts besitzen und nur unsere Arbeitskraft
auf den Markt tragen können, die wir ohne gesichertes Einkommen kaum sagen können, wie
wir in zwei, drei Monaten finanziell dastehen werden, brauchen uns keinen Illusionen
hinzugeben. Das Auseinanderbrechen mehrere Sphären dieser Gesellschaft ist eine
vollzogene Tatsache. Dieser Zustand wird von recht viel Propaganda überdeckt, die sich
auch staatliche Einrichtungen leisten, indem sie gesamt längst mehr Inseratengelder für
Imagekampagnen in den Medien ausgeben als insgesamt für den Kulturbereich.
Wir haben also unter uns zu klären, wie es nun
weitergehen soll. Andere Instanzen stehen dafür wohl eher nicht zur Verfügung. Falls
noch jemand fortgesetzt bittere Tränen darüber vergießen möchte, werden sich
vermutlich noch ein paar Großpackungen Taschentücher auftreiben lassen. Aber eigentlich
ist die Zeit des Weinens abgelaufen... |