30. November 2005

Auf die NCC-Essens-Nachricht von Dagmar Eberhardt (all sub-sahara speciality) hatte ich das Bohéme-Programm der 1980er-Jahre erwähnt:
"seinerzeit mußten nachttouren freilich auch ins spor-buffet führen, um sich mit gulaschsuppe aufzubrezeln, danach konnte wieder ein bißl gezecht werden. und zur morgenröte kakao und käse-semmerl am jakominiplatz."

Eberhardt quittierte mit:
"sporbuff nur nach diskussionsexzessen drüber der mur... (weil´s eh schon ziemlich "tiaf" geworden war...) Oh ja, jakominiplatz, ab 5:00 mohnweckerl mit ketchup und essiggurkel: immer nach Q... am hauptplatz gab´s dafür die "gatschsemmel": die standlerin wußte das echt zu interpretieren: = semmel mit senf, ketchup und mayo: pervers würde ich jetzt sagen..."

Cut!

Raffaels Engelchen sind, wie schon angedeutet, vermutlich einer der am radikalsten vermarktete Kunstverschnitte, den man finden kann. Den offenbar meist aussichtslosen Wunsch nach "Besinnlichkeit", was immer das sein mag, mit solchen verflachten Zitaten zu dekorieren, macht Weihnachten als Ramsch-Festivität ganz offensichtlich.

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Wogegen ich aber gar nichts sonderlich einzuwenden habe. Denn ich seh schon ein, daß die Schutthalde behübscht sein will. Wie sollten man sie sonst ertragen? Aber was war denn nun mein Thema? Genau! Der Mangel einer Tradition in Friedfertigkeit, Achtsamkeit, diese rauhe Vorgeschichte des Mangels an allem.

Am 28. November hab ich notiert:
Was immer für die "Werte Europas" gehalten wird, vor all dem steht eine Jahrtausendgeschichte ziemlich ungezügelter Gewalttätigkeiten. Die Menschen waren, verkürzt ausgedrückt, ständig in der Klemme zwischen Nahrungsmangel, Krankheit und Krieg.

Woher kleinbürgerliche Gemüts-Athleten ihre Bilder von "heilen Familien" nehmen, ist mir ja schleierhaft. Wie das Geschwurbel über die Ehe als Keimzelle der Gesellschaft, was sozialgeschichtlicher Blödsinn ist. Noch dazu dieses Geschwätz über "die traditionelle Ehe". Diese Tradition würde ich mir gerne mal ansehn. Wo genau die ist. Oder herkommt.

Handwerksleute? Agrarisches und Industrieproletariat? Wo und wie konnten diese Leute denn heiraten? Oder zum Beispiel die k. u. k. Armee. Das Gegenteil war der Fall. Denn es wurden fürs Heiraten "Lizenzgebühren" erhoben. Je höher der Rang, desto niedriger die Gebühr. Für niedere Chargen war der Preis völlig unerschwinglich. Das Heer, damals im Rang der "Schule der Nation" und eine normgebende Instanz, hielt seine Männer nach Kräften vom Heiraten ab.

Die Menschen waren zum Nutzen gedrängt, meist unter Druck gesetzt. Die Anstrengungen, die Unerbittlichkeiten schufen ein Klima, in dem Lieblosigkeit und Härte dominante Zustände waren. Daran kann kein Zweifel bestehen. Das Leben war für die meisten Menschen eher kurz, von Mangel und brutalen Belastungen geprägt.

Aus dieser Mentalitätsgeschichte beziehen wir die Heldenbilder des Überwältigers. Da nimmt sich der Souverän das Recht, Menschen zu mißhandeln und zu zerbrechen. Hat Condie Rice nicht grade wissen lassen, man müsse Terroristen festnageln BEVOR sie zur Tat schreiten und viele Menschen zu Tode kämen? Es ist wie bei Kafka. Wie bei Ray Bradbury. Es ist wie im "Minority Report".

Solche Leute attackieren ein Fundament der Zivilisation, die Unschuldsvermutung und die Prinzipien ordentlicher Gerichtsverfahren. Sie behaupten schon zu wissen, was jemand tun wird, und unterwerfen Gefangene Prozeduren, die mühsam erarbeiteten Konventionen spotten.

Nachdem auch das deutsche BKA gerade ins Gerede gekommen war, die eine oder andere Dienstreise nach Damaskus genehmigt zu haben, wo in einem Foltergefängnis sehr nachhaltig verhört wird, gibt es nun ein klares Statement des neuen Innenministers Wolfgang Schäuble. (Quelle: "Der Spiegel")

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