28. November 2005

Keine Überraschungen. Es kommt was zu erwarten war. "... die stille Zeit hat begonnen." Wie bitte? Hat der Redakteur vom Dienst seinen Verstand zuhause gelassen, als er dieses Statement auf die Eins der gestrigen "Kleinen Zeitung" gewuchtet hat?

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Oder. Aus welcher Anschauung vor Ort(en) läßt sich diese Behauptung ableiten? Nein! Das funktioniert ganz anders. Was uns unerträglich scheint, so haben es die meisten von uns im Schoße der Familie gelernt, wird so lang mit selbst kreierten Legenden überlagert, bis man diese Legenden selbst glaubt. So braucht man an den Dingen nichts zu ändern und erwirkt für ein Weilchen Erträglichkeit.

Vielleicht ist dagegen ja nichts einzuwenden. Vielleich ist das schlicht eine Praxis des sozialen Friedens, ohne welche Depression, Gewalt in der Familie und Suizidrate zu Weihnachten noch heftiger raufgingen als sie es längst tun.

Ich bin dünkelhaft und halte das dennoch für ein Falschmünzergeschäft, welches ich mißbillige. Ich sehe manchmal, welch ein Trost: damit bin ich offenbar nicht alleine. Gleisdorf, Busbahnhof, eine Plakatwand. An der wartende Youngsters eine lebhafte Mitteilungsbörse betreiben. Wo man was gut klauen könne, wer leicht zu haben und wer eine Schlampe sei, wer stinkt und wen man anrufen solle, wer hochgelobt und wer gefucked werden soll, solche Nachrichten sind an derlei Plakatwänden angebracht. Dazwischen, auf einem Plakat, das für ein Benefizkonzert wirbt, dieser handgemachte Aufkleber:

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Cut!

Gewalt und Gewalttätigkeit. Diese Themen beschäftigen mich momentan wieder einmal sehr. Ich hab mein Leben lang mit dem Motiv und der Anforderung von Gewaltfreiheit mich nicht einrichten können. Wie soll man seine Emotionen ächten? Wie soll man ignorieren, worauf in einem verschiedene Instanzen auf Verletzungen reagieren? Das sind nun mal "Küchen der Gewalt", da wird es ausgekocht.

Ich denke: nichts ist so gefährlich wie wenn Demütigung und Schamgefühl in jemandem mit einander reagieren. Es geht also um Ausgänge aus diesen Kräftespielen. Wer davon bewegt ist, kann kaum über Gewaltfreiheit weiterkommen, weil die Gewalt ja schon da und in Wirkung ist.

Aber GewaltVERZICHT, das ist eine ganz andere Kategorie. Daran läßt sich sehr konkret arbeiten.

Vor welchem Hintergrund entfalten sich diese Kräftespiele?

Was immer für die "Werte Europas" gehalten wird, vor all dem steht eine Jahrtausendgeschichte ziemlich ungezügelter Gewalttätigkeiten. Die Menschen waren, verkürzt ausgedrückt, ständig in der Klemme zwischen Nahrungsmangel, Krankheit und Krieg.

Rund ums Jahr verläßlich satt zu werden ist dem einfachen Volk praktisch unmöglich gewesen. Krankheiten und Verletzungen konnte man kaum etwas entgegenstellen, was über "Volksmedizin" hinausging. Und wenn die herrschenden Eliten ihren Untertanen nicht gerade die Haare vom Kopf fraßen, gab es meist irgend ein Scharmützel oder einen Feldzug auszurüsten.

Mal war man also einer unfreundlichen Natur ausgesetzt, mal der Verletzbarkeit des eigenen Leibes, mal den herrschenden Eliten, die sich nahmen, was sie haben wollten.

Ohne Zweife ist dieses Dasein für den Großteil der Menschen ein sehr hartes Leben gewesen. Dessen Ausläufer bis über den Zweiten Weltkrieg heraufreichen. Wie es in der agrarischen Welt zuging, wie ein Arbeiterleben sein konnte, findet man auch an vielen Stellen in der österreichischen Literatur nach 1948 detailliert beschrieben.

Lieblosigkeit, harter Zugriff und Demütigungen waren mit Sicherheit die dominanten Aspekte, darüber gelegte Familienidyllen halten den Überprüfungen meist nicht stand und es wird uns in den gängigen Erzählungen mehr sozialromantisches Dekor und Gefühlskitsch zugemutet, als die sich biegenden Balken längerfristig aushalten.

So viel zum realen HIntergrund der angeblich "stillsten Zeit" im Jahr. Dieses Motiv wurde uns übrigens (unter anderem) vom Nazi-Günstling, vom Blut und Boden-Dichter Karl Heinrich Waggerl nachhaltig aufgetischt. Der durfte sein Geraune viele Jahre lang via Staatsfernsehen in die Wohnzimmer Österreichs streuen ...

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