3. Februar 2017 Wissens-
und Kulturarbeit ist nicht geeignet, auch nicht gedacht, um auf dem freien Markt Geld
zu erwirtschaften. Sie ist einem immateriellen Profit gewidmet. Daher muß eine
Gesellschaft in diesen Bereich Geld investieren, das auf einem anderen Feld verdient sein
will.
Doch damit es verdient werden kann, bedarf es der Wissens-
und Kulturarbeit, weil ein Volk sonst nicht ausreichend qualifizierte Leute hervorbringt,
damit gute Jobs gemacht werden können. Das gilt heute mehr denn je, vor allem auch für
die nahe Zukunft, denn dies ist inzwischen tatsächlich eine Wissensgesellschaft,
die an ungelernte, unqualifizierte Menschen definitiv keine Jobs mehr zu vergeben hat.
Daraus möchte man ableiten, daß eine zukunftsfähige Bildungs-
und Kulturpolitik höchste Priorität hätte. Im Augenblick weist noch nichts darauf
hin, daß Politik und Verwaltung dem halbwegs flächendeckend gerecht werden und daß die
Bevölkerung das entsprechend energisch fordert.
Kleiner Einschub: Das Foto zeigt die Marienkirche
in Gleisdorf. Einst ein Wallfahrtsort, schließlich ein soziales Zentrum, ein Bildungsort,
dann das hiesige Bezirksgericht, heute ein historisches Bauwerk, kaum genutzt, mit
angeschlossenen Flüchtlingsunterkünften.
Die Flüchtlingsunterkünfte sind eine zeitgemäße
Entsprechung der historischen Zwecke im sozialen Zusammenhang. Das ist eine gute
Entwicklung. Was aber wurde aus den Bildungsagenda? Was sind kulturpolitische Optionen der
Stadt? Wie lauten sie?
Im Projektlogbuch hab ich heuer unter "Kleinregion
Gleisdorf: Pausenmodus" notiert, daß die Stadt heuer eine öffentliche Klärung
kulturpolitischer Agenda von Jänner auf Mai verschoben hat, was bedeutet, damit ist das
Arbeitsjahr 2017 diesbezüglich gelaufen: [link] Was heuer noch
wirksam werden sollte, hätte Ende 2016 vorbereitet werden müssen, um Anfang 2017 zur
Debatte stehen zu können, falls daraus nun konkrete Handlungsschritte abzuleiten wären.
Da, wie eingangs erwähnt, derlei Arbeit nicht marktfähig
sein kann, bedarf sie der Kofinanzierung aus öffentlichen Mitteln; etwa seitens der Kulturabteilung
des Landes Steiermark. Deren Deadlines sind evident:
1. Einreichtermin 2017 = 15.02.2017
2. Einreichtermin 2017 = 15.05.2017
3. Einreichtermin 2017 = 15.08.2017
4. Einreichtermin 2017 = 15.11.2017 (gilt als 1. Einreichtermin für die
Jahresförderungen 2018!)
Das kann man auf dem Landesserver hier nachlesen: [link]
Aber zurück zum größeren Zusammenhang. Im Projekt "Mensch und Maschine", das
ich derzeit in Kooperation mit dem Wissenschafter Hermann Maurer aufbaue, geht es in
unserer Startphase unter anderem darum, die letzten 200 Jahre dahingehend zu betrachten,
ob sie uns Erfahrungen bieten, die für aktuelle Umbrüche nützlich sind. Siehe: [link]
Eines der interessantesten Beispiele bezüglich des eben
angerissenen Themas beschreibt Historiker Philipp Blom in seinem Buch Der
taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914". Da ist das Kapitel 9 dem Thema "Der
Kult der Maschine" gewidmet.
Als Deutschland im 19. Jahrhundert daran ging, England, die damals bedeutendste
Industrienation der Welt, zu überholen, war die Voraussetzung dazu eine atemberaubende
Bildungsinitiative, ergo eine enorme Investition in Bildungseinrichtungen und in adäquate
Prozesse.
Das betraf nicht nur die branchenbezogenen Einrichtungen
direkt, sondern das gesamte geistige Klima des Landes, was in der Bildungsinitiative
damals auch Opernhäuser, Bibliotheken und Museen einschloß, das Zeitungswesen betraf,
insgesamt eine wißbegierige Gesellschaft meinte.
Parallel zeigte in wesentlich kleinerer Dimension der
Aristokrat Johann von Österreich, daß es solcher Anstrengungen bedurfte, um
etwa eine völlig rückständige Region, wie es die Steiermark damals war, aus jenem
Zustand herauszuholen.
Know how-Transfer, Wissenserwerb, Investitionen in Bildungseinrichtungen und
Ausbildungsstätten. Kunst und Kultur. Das war eine Zeit, in der Alexander von Humboldt
demonstrierte, welche Bedeutung genau solche Anstrengungen für ein ganze Land, ja für
Europa haben. (Das wird man mit Themenstellungen wie "Kunst und Kulinarik" nicht
einmal im Ansatz berühren können.)
Ich bin, wie erwähnt, gerade damit beschäftigt, diese historischen Zusammenhänge für
das Projekt Mensch und Maschine" ein wenig aufzuarbeiten. Ich bin aber
ebenso damit beschäftigt, derlei Optionen in ihren Praxismöglichkeiten zu überprüfen. Wissens-
und Kulturarbeit in der Region haben nach wie vor ungünstige Bedingungen. Der
steirische Kulturförderungsbericht 2015 belegt, daß sich inzwischen das
Zentrum-Provinz-Gefälle noch verstärkt, statt gelockert hat.
Drei Viertel der Landesmittel bleiben in Graz. Ein Viertel
ist für den Rest der Steiermark verfügbar. Die Kulturförderungsberichte des Landes kann
man hier abrufen: [link] Nun war es bisher naheliegend, sich etwa um EU-Mittel zu
bemühen und so zusätzliche Kulturbudgets in die Region zu bringen. Immerhin wurde in
Gleisdorf 2009 das überhaupt erste LEADER-Kulturprojekt der Steiermark
realisiert, was bis 2014 zu Folgeprojekten mit EU-Mitteln führte.
Siehe dazu die Übersicht 2009 bis 2013: [link] Im Jahr 2015 kommt
nun allerdings der Bezirk Weiz in diesen Berichten im Bereich "EU-Kulturförderung
'Aktionsprogramm LEADER im ländlichen Raum'" nicht mehr vor. Das haben wir
übrigens im Vorjahr wieder ändern können; siehe zum Beispiel: "Albersdorfer
Aspekte" [link]
In diesem Zusammenhang ist auch interessant, wie die
steirischen Bezirke einzeln aufgestellt sind. Die beiden Graphiken findet man auf Seite 81
des 2015er Berichtes. Interessant ist ferner die Seite 83 zum Thema Volkskultur.
Da entfallen nur 31,67% des einschlägigen Landesbudgets
auf Graz und 68,33% auf die Steiermark. Von diesem Anteil der Steiermark bleiben
allerdings 66,57% im Bezirk Graz Umgebung, haben also vorteilhafte Wirkung für Graz. Der
Bezirk Weiz bringt es auf 2,67% des Volkskulturbudgets.
Ich schließe aus all dem, wir sind gefordert, Strategien
und Arbeitsweisen zu entwickeln, die den Budgeteinbrüchen ebenso entgegenwirken wie
diesem Zentrum-Provinz-Gefälle. Damit meine ich auch, daß sich diese
Verhältnisse nicht erschüttern lassen, zumal die Zentrumsleute ja ebenfalls Einbußen
erleben und entsprechend massiv an ihren Möglichkeiten festhalten. Es wird eher etwas
über relevante Inhalte, kluge Kooperationen und manche Professionalisierungsschritte bei
den Umsetzungen zu erreichen ein.
-- [Kulturpolitik] -- |