15. Oktober 2020

Längst vor der Corona-Pandemie durchlief der steirische Kulturbetrieb eine überaus unfreundliche Phase. Ich war erst im Rückblick fähig, die Eindrücke und Versatzstücke so zusammenzusetzen, daß ich zu einem tauglichen Bild kam.

Details hab ich in meinen Notizen „Für eine nächste Kulturpolitik“ zusammengefaßt, werde sie also hier nicht ausbreiten. Ich finde mich in einem speziellen Aspekt mit Staunen und Amüsement wieder: trotz aller Erfahrung und Sachkenntnis, die ich mir zu meinem Metier jeder Zeit selbst attestieren würde, habe ich etwas Wesentliches nicht erkannt, obwohl ich den Effekt kannte.


Selbstverständlich drückt sich eine große Krise nicht bloß in gesamtgesellschaftlichen Umbrüchen aus, sie bildet sich auch ganz individuell in einzelnen Biographien ab. Es ist ein wenig wie der Blitzschlag, von dem ich weiß, daß es ihn bei jedem Gewitter tausendfach gibt. Und doch wäre ich sehr verdutzt, wenn mich einer treffen sollte.

Natürlich hat es mich getroffen, weit härter als mir vorab eingefallen wäre. Das war sehr unerfreulich. Das war aber vor allem interessant und anregend. Das meint einen Prozeß, der sich über zehn Jahre entwickelt und spätestens ab 2015 intensiv manifestiert hat.


In dieser Zeit habe ich mein Wohnung mit der Metapher des Bunkers belegt. Diese Mischung aus Schutz und Abgeschlossenheit war offenbar wichtig. Das hat mich an Kindertage erinnert, in denen ich manchmal Schutz gebraucht habe, der so nicht zu bekommen war.

Also hatte ich mich abschnittweise in eine Welt des Geistes verzogen, ursprünglich durch Bücher konstituiert. Das ist mir bis heute gut vertraut. Inzwischen leben wir mit einer unsichtbaren, sinnlich nicht erfahrbaren Bedrohung, die wohl vor allem deshalb von vielen Menschen geleugnet bis negiert wird.


Ich finde diese Ära rasend interessant, weil sie uns ein hohes Abstraktionsvermögen abverlangt und mehr als früher das: Eigenverantwortung. Wir sind – im Vergleich zu anderen Gegenden – begünstigt, weil uns diese Bedrohung sehr viel Spielraum läßt, sowohl physisch wie auch mental. Doch der Druck steigt merklich.

Die Metapher vom Bunker habe ich inzwischen aufgelöst; in einer etwas martialischen Phantasie, die einer heroischen Pose gleicht. Ich hab zwischendurch meine Hütte als ein U-Boot gedeutet, das in energischer Fahrt auftaucht, durch die Oberfläche bricht; das sogenannte „Emergency Surfacing“. („Surfaceing Through Ice“ ist auch ziemlich spektakulär.)

Gut, man kann den Metaphernwechsel auch unaufgeregter und weniger pathetisch inszenieren. Aber mir hat das derzeit gepaßt, zumal meine neue Lieblingsmetapher direkt an diese Bilder andockt. Der Raumkreuzer. Diese Stille, außer manchmal anschwellender Betriebsgeräusche
.

Es ist im Raumkreuzer mehr Platz, weil Ballast abzuwerfen war. Vorräte müssen laufend ergänzt werden, aber nicht jeden Tag. So mag ich es mir ausmalen, wenn etwa Tage dämmerten, an denen ich kein einziges Wort gesprochen hab; oder wenn sich Nacht und Tag vertauschen.

Aber nein! Ich bin nicht menschenscheu geworden. Ich mag Geselligkeit sehr; falls sie von Themen und Emotionen erfüllt sind, die mir zusagen. Gestern war da diese kuriose Session auf einem Drag Strip hinter Hartberg. Eine Symphonie von Motorenlärm und den Geräuschen sehr geschäftiger Menschen; plus Publikum.

Ich bin mit dem Zug hingefahren, was für eine Strecke, die mit dem Auto in einer halben Stunde zu machen wäre, rund eineinhalb Stunden braucht. Man ist völlig anders in der Welt, wenn es nicht darum geht, die Distanz in kürzester Zeit zu durchlaufen. Das genaue Gegenteil der Fahrt auf dem Drag Strip

+) Für eine nächste Kulturpolitik
+) Drag Strip (Mythos Puch)

[kalender] [reset]