16. April 2019

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brandmal

ich lese zum brand der kathedrale:
>>Ein Zeugnis unserer europäischen Identität.<<

ah ja? unsere? die europäische? jene, die noch so viele jahrhunderte byzantinisch geprägt wurde, als westrom schon untergegangen war, die also eben auch ÖSTLICH bestimmt wurde, was man dieser kathedrale einfach nicht ansieht?

jene identität, die früchte des jahrtausend-austausches mit arabischen kulturen genießt, aber verschweigt?

eine europäischen identität die behauptet, dies sei ein "christliches abendland" und dabei das orthodoxe, das jüdische und das muslimische unter den tisch kickt?

eine europäischen identität, die sich inzwischen als permanente identitätskrise zeigt, sich selbst vor allem per feindmarkierung definiert, statt stolz zu zeigen, woraus und womit sie gewachsen ist?

na, so eine identität macht nicht viel her. die hat bestenfalls den horizont eines stammeshäuptlings, der sein stammesgebiet für die welt hält.

MEINE identität als eine EUROPÄISCHE identität läßt mich auch nach andalusien blicken, wo uns arabische gelehrte die griechische philosophie zurückgegeben haben.

sie läßt mich an byzanz denken, dessen nachfahren hinter dem eisernen vorhang gelebt haben. sie läßt mich an auschwitz denken, dieses brandmal, an dem unsere leute auszulöschen versuchten, was sich von uns unterscheidet.

meine europäische identität ist auf tiefe und nuancen angewiesen. sie dankt den chinesen das papier, den indern die idee der null, um neu rechnen zu können, den arabern ihre mathematik und ihre theorie des blickes, von der unsere renaissance beflügelt wurde.

meine europäische identität dankt den hauslosen und vertriebenen, daß sie kulturelle schätze aus allen weltgegenden in unser kleines stammesgebiet gebracht und so mir, einem kind des wohlstandes, geschmäcker, töne und ansichten von anderen orten geschenkt haben.

meine europäische identität verdankt sich vor allem auch der KUNST, die zum fundamentalsten gehört, was wir uns als teil einer conditio humana vorstellen können.

diese kunst hat keine einsam aufragenden monumente, sondern ist uns seit über 70.000 jahren prozeßhaft ein steter anlaß, von uns selbst gelegentlich abzusehen, über die grenzen des stammesgebietes hinauszublicken.

meine europäische identität ist nicht an den türmen einer kathedrale festgemacht, sondern am gelebten und auch am erlittenen all derer, die nicht so sind wie ich. was wäre ich ohne sie?

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