5. Juli 2012

Warum soll ich mich den Leuten anbiedern? Warum dürfen die Dinge nicht sein was sie sind? Warum gedrechselte Reden statt Klartext? Warum weichgespülter Floskelkram statt Kantiges, wo es doch eben um Ecken und Kanten geht?

Das sind vorerst keine philosophischen Fragestellungen, sondern soziokulturelle Themenangebote. Wie formiert und verständigt sich Gemeinschaft? Gestützt worauf? Was darf man sich unter „kritischen Diskursen" vorstellen? Da würde ich dann auch gerne klären: Warum wird Dissens nur selten als Gewinn betrachtet?

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Solche und andere Überlegungen beschäftigen mich, wo wir gerade kulturpolitische Agenda erörtern. In einer Debattensituation zwischen Pischelsdorf und Wien hat sich allerhand herauskristallisiert, was uns Arbeit machen wird. Hier die Übersicht meiner diesbezüglichen Reflexionen: [link]

Ich hab mir gelegentlich sagen zu lassen, meine Art sei brüskierend, ich würde, wo es zur Diskussion über solche Dinge komme, manche Menschen in die Flucht schlagen. Mag sein. Aber wozu soll ich sie mir in die Nähe wünschen, da sie eventuell bloß die Diffusion weitertragen, von der uns schon genug die Blicke verstellt? Und was soll ich mit jenen anfangen, die bloß Gehör brauchen, um ihre Jammerkultur zu entfalten?

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Andrerseits mag einem das als Starrsinn ausgelegt werden, was Situationen initiiert, durch die man in Unglück stürzen kann. Kann, kann, kann… Könnte! Jede Menge Möglichkeitsformen.

William Shakespeare hat derlei in „Die Tragödie des Coriolanus" [link] abgehandelt. Cajus Marcius Coriolanus ist ein Charakter, der sich dem Schönreden verweigert, sich der Wichtigtuerei versagt, dessen unerbittlich direkte Art stets als brüskierend, ja beleidigend empfunden wird.

Es ist nicht so, daß er durch eben diese Beharrlichkeit neue Verhältnisse herbeiführen würde. Im Gegenteil! Er löste eine Kette von Unglück aus, angesichts derer sich der Status quo verschanzte, die beharrenden Schmeichler und Populisten Boden gewannen.

Ich bin mir über dieses Kräftespiel nicht im Klaren.

Eher am Beginn des Stückes zeigt Shakespeare eine Konfrontation zwischen Coriolan und dem Pöbel. Da sagt der grobe Klotz:

Ein gutes Wort dir geben, hieße schmeicheln
Mehr als geschmacklos. Was verlangt ihr Hunde,
Die Krieg nicht wolln noch Frieden? Jener schreckt euch,
Und dieser macht euch frech. Wer euch vertraut,
Findt euch als Hasen, wo er Löwen hofft;
Wo Füchse, Gäns', Ihr seid nicht sichrer, nein,
Als glühnde Feuerkohlen auf dem Eis,
Schnee in der Sonne. Eure Tugend ist,
Den adeln, den Verbrechen niedrig machen,
Dem Recht zu fluchen, das ihn schlägt. Wer Größe
Verdient, verdient auch euern Haß, und eur Verlangen
Ist eines Kranken Gier, der heftig wünscht,
Was nur sein Übel mehrt. Wer sich verläßt
Auf eure Gunst, der schwimmt mit bleiernen Flossen,
Und haut mit Binsen Eichen nieder. Hängt euch!
Euch traun?
Ein Augenblick, so ändert ihr den Sinn,
Und nennt den edel, den ihr eben haßtet,
Den schlecht, der euer Abgott war. Was gibts?
Daß ihr, auf jedem Platz der Stadt gedrängt,
Schreit gegen den Senat, der doch allein,
Zunächst den Göttern, euch in Furcht erhält;
Ihr fräßt einander sonst. Was wollen sie?
[…]

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