29. Jänner 2008

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Architekt Winfried Lechner legt dar, daß und wie wir in einer "multikulturellen Gesellschaft" leben, da müsse man noch gar nicht über Immigranten reden, sondern nur über Menschen, die in Österreich geboren wurden. Einheimische. Er meint damit, daß die verschiedenen Generationen heute in völlig unterschiedlichen Lebenswelten zuhause seien. Es könne daher keine Konzepte geben, die "für alle" passen würden, das sei eine Illusion.

Lechner hat als Unternehmer zur Zeit beispielsweise in der Ukraine zu tun und erzählt, daß ihm dort das Verhalten mancher Menschen vertrauter und näher erscheine, als wenn er im Gleisdorfer Postamt mit einer Runde alter Menschen zusammentreffen würde.

Lechners Ausführungen illustrieren, daß es "das Volk" bestenfalls als eine politische Kategorie gibt. Um ethnische Kategorien anzuwenden, muß man offenbar andere Zugänge suchen. (Siehe dazu: "transit zone" #26!)

Cut!

Auf dem Boulevard wird "das Nationale" als ein Wohlstandsereignis innerhalb hermetischer Grenzen gedacht. So auch stets in der "Kleinen Zeitung":

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Solche Statements sind blühender Unsinn, denn das EU-Europa wendet ganz erhebliche Mittel auf, um Menschen bei Bedarf fernhalten zu können oder loszuwerden. (Eiserne Vorhänge mit Selbstschußanlagen werden vermutlich nicht mehr in Mode kommen.) Das Unbehagen gegen Grenzen "offen für alle" in einem kleinen, feinen Österreich erweist sich bei näherem Hinsehen ohnehin als merkwürdige Regung.

Unnötig, von "tausend Jahren Österreich" zu sprechen, denn das ist bloß eine Konstruktion. Aber 600 Jahre Herrschaft der Habsburger könnte man durchaus als Bezugsrahmen heranziehen. Also: 600 Jahre ein sehr großes, multiethnisches und vor allem auch vielsprachiges Reich. (Nebenbei bemerkt, k.u.k. Österreich war nach Rußland der zweitgrößte slawische Staat der Welt.)

Das endete 1918/19. Die klerikale, präfaschistische Erste Republik scheint danach in keiner möglichen Kategorie als anregendes Beispiel zu taugen. Die deutschtümelnden Nazi wären ohne ihren Raubzug an den Völkern des Kontinents zu nichts in der Lage gewesen; ergo: Sie taugen bloß als abschreckende Figuren.

1946 bis 2008, nein, streng genommen: 1956 bis 2008, also kärgliche fünf Jahrzehnte, hat sich das halbwegs homogene nationalstaatliche Österreich nun zeigen und bewähren können. (Freilich auf mehr Sprachen als bloß das Deutsche gestützt.) Vor dem Hintergrund von sechs Jahrhunderten ganz anderer Konzepte.

Damit möchte ich sagen:
Warten wir doch einmal ab, was sich in den nächsten zwei, drei Jahrzehnten als plausibler Rahmen für diese Nation erweisen wird, um in der Gegenwart anzukommen und den aktuellen Anforderungen kompetent begegnen zu können.

Leserbriefe, wie der oben zitierte, dieser blökende Alarmismus mit gänzlich untauglichen wie dummen Anmutungen ("Grenzen dicht!") verlockt bloß, sich dumm zu halten und blind zu stellen.

P.S.:
Was immer zur Zeit der Wirtschaft Österreichs gut tut, wäre vermutlich gerade noch die Hälfte ohne die vorzüglichen Geschäfte, die österreichische Firmen seit etlichen Jahren in den sogenannten "Reformstaaten" tätigen.

[Wir Kinder des Kalten Krieges]


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